The International School for Holocaust Studies

Vom Individuum zur Welt:
Das Konzept einer altersgemäßen Entfaltung des Lernstoffes Holocaust

Vorbemerkung

Die Vermittlung der Geschichte des Holocaust wurde in Israel erstaunlicherweise erst in den 1980er Jahren obligatorisch im Lehrplan verankert. Heute steht die Shoah in der 7./8. Jahrgangsstufe als fakultativer Lerninhalt im Curriculum. Die Erstbegegnung der Schüler mit der Shoah als Unterrichtsgegenstand geschieht allerdings oft erst in der 11. Jahrgangsstufe, also in einem Alter von 16 bis 17 Jahren und damit relativ spät. Dann jedoch wird der Beschäftigung mit der Shoah ein Komplex von insgesamt 30 Schulstunden gewidmet. Für einen dem deutschen Abitur entsprechenden israelischen Schulabschluss ist eine Prüfung zum Thema verbindlich.
In Deutschland ist die Situation der Holocaust-Erziehung durch das föderale Bildungssystem in den 16 Bundesländern unterschiedlich. Oft bleibt dem Engagement des Lehrers überlassen, ob und wie die für die Auseinandersetzung mit dem Holocaust vorgesehene Stundenanzahl sinnvoll gefüllt wird. Der Zeitpunkt der Erstbegegnung liegt, ähnlich wie in Israel, relativ spät: an Gymnasien in der 9. bzw. 10. Jahrgangsstufe. In Haupt- bzw. Gesamtschulen wird der Holocaust, wohl um das vollständige Untergehen dieses Themas in den Turbulenzen des Schulabschlusses in der 9. Klasse zu verhindern, manchmal bereits auf der 8. Jahrgangsstufe in den Unterricht eingebunden.

Das Konzept einer altersgerechten Entfaltung des Lernstoffes

Angesichts des Umfangs und der Vielschichtigkeit der Lerninhalte, die bei der Beschäftigung mit dem Holocaust vermittelt werden sollen, scheint es daher in beiden Ländern angebracht, die Erstbegegnung mit der Thematik auf einen früheren Zeitpunkt zu legen. Dies hätte den Vorteil, dass die Fülle des Lernstoffes zeitlich entzerrt und in überschaubaren Einheiten aufgeteilt und bearbeitet werden kann. Da es sich aber zugleich um einen Lernstoff handelt, der in beiden Ländern tiefste Traumata anrührt, melden sich spontan Zweifel an.
Lehrer in Deutschland kennen die Reaktionen, die durch eine nicht angemessene didaktische Heranführung an das Thema entstehen können: Nicht selten berichten sie von Abwehrreaktionen. Oft fehlt Empathie, es geht darum, „cool zu bleiben“, es wird gelacht und nicht selten kommt es zu offen aggressiven Ausbrüchen, Reaktionen, die im Übrigen nicht unbedingt bewertet und sanktioniert werden sollten.
Auch in Israel wehren sich viele Väter und Mütter instinktiv dagegen, dass ihre Kinder bereits im Grundschulalter oder im Kindergarten-Pflichtjahr, das dem Schuleintritt vorausgeht, mit Geschichten aus der Zeit der Shoah oder sogar mit Bildern aus den befreiten KZ, auf denen Leichenberge zu sehen sind, oder mit den Kinderschuhen der in Auschwitz Ermordeten konfrontiert werden. Gerade die so genannte „Second Generation“ tendiert dazu, die eigenen Kinder vor dem, was die Eltern durchlitten haben, abzuschirmen. Sie sollen vor einer allzu frühen Begegnung mit diesen spezifischen und traumatisierenden Inhalten beschützt werden.
Bedenken gegen eine Konfrontation mit dem Holocaust im Grundschulalter sind nicht nur verständlich und völlig legitim. Sie sind geradezu notwendig, wird über Prämissen nachgedacht, unter denen Erzieher erwägen, Fünf- bis Neunjährige in dieses Thema hereinzuführen. Wer sich dennoch entscheidet, dies zu tun, kann sich auf einige wichtige Argumente berufen:

  1. Die mehr oder minder dauerhafte (wenn auch quantitativ abnehmende und hinsichtlich des Fernsehens auf späte Sendeplätze verlagerte) Präsenz des Holocaust in den Medien macht es unvermeidlich, dass Kinder und Jugendliche auf unkontrollierbare Weise mit dem Thema konfrontiert werden. Fernsehbilder, Augenzeugenberichte, Hollywoodfilme, Dokumentationen und bebilderte Reportagen in den Printmedien werden im Zustand einer Halb-Informiertheit aufgeschnappt und ohne jegliche gesteuerte Betreuung den unfreiwilligen Konsumenten zur persönlichen Verarbeitung zugemutet. Auf diese nicht zu vermeidende Konfrontation ist das Kind besser vorbereitet, wenn es in einer behutsamen Erstbegegnung durch eine ihm bekannte Vertrauensperson an das Thema herangeführt wird.
  2. Durch eine unkontrollierte und inadäquate Konfrontation entsteht der von vielen Pädagogen beklagte Effekt der „Überfütterung“. Bereits in der Unterstufe äußern Schüler/innen, über das Thema „nichts mehr hören zu können / zu wollen“, ohne dass bereits eine ernsthafte Auseinandersetzung im Rahmen des Unterrichts stattgefunden hätte. Die Ursache für dieses Phänomen scheint darin zu liegen, dass bei der oberflächlichen Begegnung mit dem Holocaust Kindern und Jugendlichen jegliche Möglichkeit einer empathischen Annäherung genommen wird. Damit sind sie den traumatisierenden Elementen des Holocaust schutzlos ausgeliefert. Auf dem Wege einer sorgfältigen Sensibilisierung können die jungen Lernenden spezifisch auf ihre emotionale und kognitive Kapazität abgestimmte Elemente des Holocaust verinnerlichen, während andere bewusst von ihnen ferngehalten werden. Dadurch wird ein Zugang ermöglicht, der die wirkliche Vertiefung von Kenntnissen erlaubt, und eine natürliche Neugier auf eine Erweiterung des erworbenen Wissens weckt.
  3. Wir erziehen die Kinder innerhalb des Rahmens, der vom kulturellen Gedächtnis der jeweiligen Gesellschaft geprägt ist, zu gesellschaftlich konsensualisierten Werten. In Texten, die den jeweiligen Kulturkanon einer Gesellschaft prägen, wird in modellhafter Weise anhand drastischer Bilder das Konzept von Gut und Böse, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit entwickelt. Dies geschieht im jüdischen Literaturkanon beispielsweise anhand der Erzählungen aus der Torah wie z.B. der Auszug der Juden aus Ägypten, im deutschsprachigen Kulturraum anhand von Märchen, die allesamt – wenn sie nicht mit der gebotenen Sorgfalt und im entsprechenden situativen Rahmen erzählt werden – durchaus verstörende Wirkung bei jungen Zuhörern auslösen können.

Entscheidend ist also immer, wie, auf welche Art und Weise, erzählt wird. Erziehung ist ein durchaus nicht immer schmerzfreier Prozess. Das „Aufsparen“ des in Israel und Deutschland auf unterschiedliche Weise und aus unterschiedlichen Gründen schmerzenden Gegenstands des Holocaust „für später“ kann zu einem abrupten, weil zu lange zurückgehaltenen Ausbruch führen, der die Jugendlichen kognitiv und vor allem emotional überfordert. Durch eine sorgfältige und früh genug einsetzende Begegnung mit dem Holocaust können Pädagogen und Erzieher die schmerzende, frustrierende, oft massiv mit inneren Abwehrmechanismen bekämpfte Konfrontation abfedern.
In der International School for Holocaust Studies in Yad Vashem wurden einige pädagogische Grundlagen für die Holocaust-Erziehung entwickelt, die hier stichwortartig wiedergegeben werden:

  1. Die Unterrichtseinheit muss von einem der Klasse vertrauten Lehrer oder Erzieher gegeben werden. In der Grundschule: Klassenlehrer oder vertrauter Fachlehrer: Geschichte, Kunst, Religion, Deutsch etc. Diese Bezugsperson ist von zentraler Bedeutung, denn mit der Erstbegegnung wird ein langfristiger, verantwortungsvoller Erziehungsprozess eingeleitet. Ein „Experte“ von außen sollte nicht eingeladen werden; diesen kennen die Kinder nicht. Die Stunde sollte in einer positiven Atmosphäre im vertrauten Rahmen des Klassenraums stattfinden; nicht in einem Museum oder einer Gedenkstätte.
  2. Den Kindern wird keine analytisch-systematische Geschichtsstunde erteilt. Der Holocaust wird über eine persönliche Geschichte erzählt, deren Protagonist sich etwa im Alter der Zuhörer befindet. Die Kinder werden eingeladen, dem Protagonisten gegenüber Empathie zu entwickeln.
  3. Die Geschichte muss realistische und anschauliche Details enthalten, um diesen empathischen Prozess zu erleichtern.
  4. Es muss sich um eine authentische, wahre Geschichte eines Holocaust-Überlebenden handeln, ohne dazu erfundene Elemente. Auf diese Weise können die wesentlichen historischen Abläufe, die bezeichnend sind für den Holocaust, benannt und erläutert, und Fragen der Schüler/innen beantwortet werden. Allerdings soll in dieser Geschichte nicht das volle Ausmaß des Holocaust erzählt werden. Sechs Millionen Ermordete sind buchstäblich nicht zu fassen, das herausgenommene Schicksal eines Kindes dagegen wohl.
  5. Es ist von zentraler Bedeutung, dass der Geschichte positive Werte innewohnen
    • Der Protagonist muss ein Überlebender sein.
    • Die Geschichte muss das Element von Solidarität enthalten und vermitteln (Zusammenhalt in der Familie, Hilfsbereitschaft der Nachbarn, persönliche Nähe und Wärme)
    • In die Rettung des Kindes sollte möglichst ein „Gerechter unter den Völkern“ involviert sein.

Das pädagogische Konzept Yad Vashems basiert auf der Einsicht, dass die kognitive und emotionale Auffassungsgabe der Lernenden je nach Altersstufe unterschiedlich ist. Der Holocaust sollte mit Bedacht und Einfühlung unterrichtet werden. Nach vielen Jahren des Experimentierens und Auswertens von Erfahrungen kristallisierte sich in Yad Vashem ein spiralförmiges Modell heraus, das dem Alter der Lernenden entsprechend erweitert wird.
Im 3. und 4. Schuljahr empfehlen wir, den Holocaust mittels der persönlichen Geschichte einer einzelnen Person, am besten eines Kindes im Alter der Lernenden, zu unterrichten. Die Erläuterung der elementaren Begriffe des Holocausts wird hier bereits vorgenommen, jedoch ohne auf die Details der Vernichtung und andere traumatisierende Prozesse einzugehen.
Im 5. und 6. Schuljahr erweitern wir die Perspektive und gehen dazu über, das Schicksal einer jüdischen Familie während des Holocaust zu erzählen. Auf diese Art und Weise erfahren die Schüler/innen, wie die Familie inmitten einer in der Zerstörung begriffenen Welt lebte, weiterbestand oder zerfiel. Wir beginnen, indem wir die Lernenden mit einer Familiensituation konfrontieren, wie sie vor dem Holocaust existierte. Bei der Betrachtung des Familienschicksals während des Holocaust werden die jungen Lernenden erstmals mit Dilemmata konfrontiert, die Juden auszuhalten hatten: zum Beispiel die Tatsache, dass nur ein Teil der Familie auswandern oder sich verstecken und damit retten konnte. In diesem Alter machen wir die Kinder mit komplexeren historischen Begriffen bekannt.
Im 7. und 8. Schuljahr steht bereits das Schicksal einer jüdischen Gemeinde im Zentrum. In dieser Zeit entwickeln Schüler/innen eine eigene Identität und beschäftigen sich mit Lebensauffassungen und ihrer eigenen Verortung. In dieser Zeit ist es wichtig, dass eine Verbindung zwischen dem Selbstbild und der Herkunft (Nation / Land, Kultur, Religion) hergestellt wird.
Die in diesem Abschnitt ins Zentrum gerückte Gemeindegeschichte nimmt wiederum ihren Anfang in einer Zeit vor dem Holocaust, reicht bis in den Alltag während des Holocaust und ermöglicht dem Schüler auf diese Weise, sie mit seiner persönlichen Situation und Identität zu verbinden.
Schematisch lässt sich dieses Modell wie folgt darstellen:

3./4. Schuljahr 5. bis 6. Schuljahr 7. bis 8. Schuljahr Ab 9. Schuljahr
Das Individuum Die Familie Die Gemeinde Die Nation und der historische Prozess

Durch das spiralenförmige Modell vom Einzelnen zur Familie und schließlich zur Gemeinde wird der Schüler mit ambivalenten Aspekten konfrontiert: Durch das Studium menschlicher Bedrängnis und Dilemmata kann im Idealfall eine Norm der Empathie, des Hinsehens und des zwischenmenschlichen Verständnisses erzeugt werden. Der Zugang zur Geschichte wird dadurch personalisiert und regt die Lernenden an, eine Kultur des Hinsehens und des persönlichen Engagements im Umgang mit der Geschichte entwickeln. Zugleich soll hierdurch Verantwortung für die Erinnerung an den Holocaust und damit verbunden Verantwortung für die Gegenwart bewirkt werden.

Stay Connected

Facebook   YouTube   Twitter   Blog